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Br√ľste, Schwei√ü und alte Idole!

Skel Abschiedskonzert

Die Apokalyptischen Reiter, Postmortem, Golem, Days Of Grace

Ort: Weimar / Jacob
Datum: 18.03.2000


Seit Mitte Februar plagte uns die unbarmherzige Gewi√üheit, das nach dem 18.03. nichts mehr so sein sollte wie fr√ľher: Skel, schreiender Trommelbube bei den Apokalyptischen Reitern, hatte sich entschlossen, der Band den R√ľcken zu kehren und fortan seiner eigenen Wege zu gehen. Nun luden an besagtem Samstag die Reiter zur letzten Tanzstunde in vertrauter Runde, was nat√ľrlich unbedingte Pr√§senzpflicht der V√∂nger-Crew bedeutete. Doch bis eine Woche vorher war zumindest meine (Deadleft) Anwesenheit nicht gesichert. Justament an jenem Abend sollte ein Doppeljubil√§um im Freundeskreis gefeiert werden. Letztendlich wurde aber meinetwegen dieser Termin vorverlegt, was mein Erscheinen dann auch erm√∂glichte. So packten wir also Christ am Kragen, fesselten ihn an die R√ľckbank vom Vl√∂tsa und brausten gen Weimar. Seit unserem letzten Besuch wurden allein auf unserem Weg sch√§tzungsweise 66 neue Einbahnstra√üen eingerichtet, was eine eher unfreiwillige Besichtigungstour in der Altstadt Weimars nach sich zog. Nachdem wir auf Verdacht das Auto in einer Nebenstra√üe abgestellt hatten, irrten wir auf der Suche nach dem Studentenclub Jacob durch das n√§chtliche Weimar. Als wir nach mehrmin√ľtigem Suchen an einem vermeintlichen Bordell, was sich sp√§ter jedoch als Alternativen-Kaschemme herausstellen sollte, angekommen waren, entschlossen wir uns zur Umkehr. Alsdann fuhren wir aufgrund wirklichkeitsfremder Beschilderung versehentlich in eine Einbahnstra√üe, was dazu f√ľhrte, da√ü sich Wehrmut einiger heftiger Elemente aus der F√§kalsprache bediente. Wohl auch durch den erh√∂hten Adrenalinspiegel wurde der m√§nnliche Jagdinstinkt in Wehrmut wieder geweckt, der uns mit traumwandlerischer Sicherheit zu genau dem Ort brachte, an dem wir schon im letzten Jahr unseren Streitwagen abgestellt hatten. In einem Wohnheim, das auf dem Weg zum SC Jacob lag, brachten wir dann unsere bewu√ütseinsver√§ndernde Propaganda an. Kurz danach stellten wir fest, da√ü wir wunschgem√§√ü noch eine Stunde bis zum Beginn Zeit hatten, um uns die Stadt zu besehen. Auf dem Weg ins Zentrum begegneten uns dann zwei verwahrloste Punks. Der Betrunkenere von beiden warf uns ein wirres Wortunget√ľm entgegen, von dem wir als letztes Wort nur 'Konzert' verstanden. Aus unserer Erfahrung als Jungpionier sch√∂pfend, wiesen wir ihnen bereitwillig den Weg zum Club. Eine zuf√§llig vorbeikommende √Ėko-Emanze hatte aber erkannt, da√ü die beiden eine andere Veranstaltung meinten und korrigierte, auf das Ex-Bordell deutend, unseren Hinweis. Mit dieser widerspr√ľchlichen Informationsflut war der alkoholisierte Mitmensch aber offensichtlich √ľberfordert und artikulierte unbeherrscht seinen Unmut. Nach gutem Zureden folgten die zwei dann aber doch der freundlichen Kifferin. Wir zogen dann, vorbei am 'D√∂ner √† la Turque', durch das Stadtzentrum und lie√üen an einigen Originalschaupl√§tzen noch einmal die Ereignisse unserer preisgekr√∂nten Video Produktion von 1998 Revue passieren. Schon wieder auf dem R√ľckweg, erbat sich eine, offensichtlich der alternativen linken Szene angeh√∂rende, Minderj√§hrige von uns eine Mark, was ich jedoch mit folgenden Worten negativ beschied: 'Wei√üt Du wo's hier D√∂ner gibt?'. Wie es der Zufall so wollte, deutete sie in Richtung des 'D√∂ner √† la Turque'-Gesch√§fts, das erstaunlicherweise genau auf unserem R√ľckweg lag.

Wieder am Streitwagen angekommen, labten wir uns an sauren Apfelringen, den wie √ľblich √ľberlagerten tschechischen Deli-Riegeln, belgischer Kinderf*ckerschokolade und diversen Getr√§nken. Gest√§rkt und mit Fotoausr√ľstung, Bewaffnung und Propaganda ausgestattet, betraten wir den Club, verteilten die Propaganda und warteten auf die erste Band. Days of Grace boten dann eine ganz unterhaltsame Mischung aus Doom und Death Metal, die blo√ü kaum jemanden aus dem Publikum beeindruckte. Au√üer einer etwas √ľbergewichtigen Frau, die unabl√§ssig Fotos machte, zeigte kaum einer Interesse. Gleiches galt f√ľr die zweite Band, deren Namen wir nicht verstanden haben und die als Ersatz f√ľr die verhinderten Golem eingesprungen waren. Auch hier blieb das Publikum wie angewurzelt im hinteren Teil des Saales stehen. Zu recht, wie wir fanden.
Die Stimmung besserte sich nur unmerklich beim Auftritt von Postmortem, die ihre Show mit den Ger√§uschen einer Handkurbelsirene einleiteten. Uns war auch das herzlich egal, lediglich einige vergilbte Fotos zeugen noch von unserer Anwesenheit bei diesem Gig. Auch das kostenlose Verteilen von einigen Band-Shirts konnte weder uns, noch der Mehrheit Besucher den √ľberagressiven Thrash Metal schmackhaft machen. Zu allem √úberflu√ü mutierte meine Stimme auch noch ohne erkennbaren Anla√ü zu einem heiserem sp√§tpubert√§ren Kr√§chzen, das vor allem Wehrmut die Tr√§nen der Schadenfreude in die Augen trieb. Aber egal, an diesem Abend hatte von vornherein sowieso nur eine Band eine Chance beim Publikum: Die Apokalyptischen Reiter.

Es geht heiß her
Es geht heiß her


Kurz nachdem die letzten T√∂ne von Postmortem verklungen waren, stellte wir uns in die erste Reihe, um einerseits m√∂glichst gute Fotos machen zu k√∂nnen und andererseits das Geschehen hautnah mitverfolgen zu k√∂nnen. Doch schon w√§hrend des B√ľhnenumbaus stimmten die am B√ľhnenrand stehenden Fans in bierselige Schlachtges√§nge ein und begannen unkontrolliert mit ihren Armen und Beinen zu fuchteln, was Wehrmut und Christ dazu veranla√üte, ein paar Reihen weiter nach hinten zu gehen. Skel, der an seinem Drumkit herumbastelte, wurde schon jetzt gefeiert, den Reitern ob des offenbar nicht wiedergutzumachenden Personalverlustes gar der Untergang prophezeit. Pest nahm dies alles gelassen mit einem spitzb√ľbischen Grinsen zur Kenntnis. Ich hatte mich entschlossen, die Stellung an der vordersten Front zu halten, um den V√∂nger Lesern an dieser Stelle auch hochwertigste Fotografiekunst anbieten zu k√∂nnen. Das sollte mir aber dann noch zum Verh√§ngnis werden, denn schon beim Soundcheck rasteten die um mich herum Stehenden v√∂llig aus, weshalb ich mich auch schnell auf der B√ľhne liegend wiederfand. Noch wollte ich aber nicht aufgeben und harrte weiterhin am Brennpunkt des Geschehens aus. Nachdem Eumel mit Pests Hilfe ein Problem an der Leadgitarre behoben hatte, nahm der Wahnsinn mit 'No Questions' seinen Lauf. Ich konnte w√§hrend der ersten beiden Titel gerade noch zwei Bilder machen, bevor ich meine Gesundheit und die Fotokamera vom w√ľtenden Mob einer allzu gro√üen Gefahr ausgesetzt sah und deswegen ein paar Reihen nach hinten ging. Zuvor bekam ich aber noch die unz√§hligen geflochtenen Haarstr√§hnen einer luftig bekleideten weiblichen Headbangerin zu sp√ľren. Wehrmut und Christ erging es auch nicht viel besser, sahen sie sich doch den aufdringlichen Avancen einiger weiblicher Frotteure ausgesetzt, die sich permanent und ohne ersichtlichen Grund durch die vorderen Reihen dr√§ngten. Eine davon hatte st√§ndig ihren weibischen Freund im Schlepptau, der Wehrmut immer sch√∂ne Augen machte. Auf der B√ľhne spielten sich die Reiter derweil in einen Rausch und boten gewohnt souver√§n einen guten √úberblick √ľber ihr bisheriges Schaffen. Immer wieder wurde jedoch unser Blick von einer etwas befremdlichen Szene an der Saalseite abgelenkt: Auf zwei aufeinandergestapelten Kisten stand sowohl ein halbnackter Vertreter der 'Generation Wurst', der sich sp√§ter dann als Gitarrist von Disaster K.F.W. herausstellen sollte, als auch die schon erw√§hnte Rastalocken-Frau, welche sich mittlerweile ihres T-Shirts entledigt hatte und stolz ihren nur noch von einem BH bekleideten, schwei√ütriefenden Oberk√∂rper pr√§sentierte. Letztere go√ü sich dann, von ihren ekstatischen K√∂rperzuckungen etwas ausgelaugt, eine gut gef√ľllte Flasche Mineralwasser √ľber ihre Br√ľste und den vor ihr stehenden, opulenten Mitstreiter. Beinah war noch zu bef√ľrchten gewesen, da√ü sich die wie ein Go-Go-Girl geb√§rende Frau, ihren BH vom Leibe ri√ü. Gl√ľcklicherweise blieb uns und allen anderen dieser Anblick erspart, zumal man sowieso nicht viel verpa√üt h√§tte (!). Irgendwann packten die beiden dann auch noch eine wei√üe Flagge aus, die neben zahlreichen, selbstgemalten Herzchen, die Aufschrift 'Skel, wir lieben Dich' trug und unabl√§ssig geschwenkt wurde.

Nach der H√§lfte der Show versagte Eumels Gitarre dann erneut, Pest √ľberbr√ľckte jedoch geschickt die ersten Minuten der Reparaturzeit mit einer Keyboardimprovisation. Als sich die Fehlersuche weiter hinzuziehen schien, griffen die nach mehr lechzenden Fans kurzerhand nach dem Mikrofon und stimmten den Gassenhauser 'Dschingis Khan' an. Skel, Volkmar und Pest sprangen mit ihren Instrumenten nach den ersten Takten ein und brachten die Menge erneut an die Grenze zur Ekstase. Als die letzte Strophe verklungen war, mischten sich zwischen die √ľblichen Skel-Anfeuerungsrufe auch noch einige 'Schwuchtelmusik'-Rufe, die aber wohl kaum weiter ernstzunehmen waren. Als Eumels Gitarre wieder funktionierte, kannten einige Fans kein Halten, st√ľrmten die 40cm 'hohe' B√ľhne und lie√üen sich in die Menge fallen, die sie einige Meter in Richtung Saalmitte trug, um sich gleich darauf wieder nach vorne zu k√§mpfen und selbiges zu wiederholen. Die vorangegangenen Bands waren l√§ngst vergessen, die Postmortem-Shirts wurden in Momenten unendlicher Verz√ľckung gar wieder gen B√ľhne geworfen. Die vier Jungs von den Apokalyptischen Reitern waren die alles beherrschenden Personen an diesem Abend und schafften etwas, was vorher noch keine Band geschafft hat: Selbst der sonst so beherrschte Wehrmut verlieh seiner Begeisterung Ausdruck und verbl√ľffte mich und Christ, als er bei 'Dschingis Khan' mitzusingen begann. Das harte Herz des Wehrmut schien auf's Tiefste ger√ľhrt worden zu sein. Nach der gefeierten Zugabe lie√ü sich der scheidende Skel von der Menge sprichw√∂rtlich auf H√§nden tragen und kam so immerhin bis zur Saalmitte. Obwohl, eigentlich war es verwunderlich, da√ü der Schlagzeuger nicht sogar den Ausgang erreichte, genug Leute waren in jedem Fall anwesend. Was war passiert? Ungef√§hr in der Mitte des Saales stand auch V√∂nger-Gr√ľndungsmitglied Wehrmut, der selbst mit seinen wahrhaft riesigen H√§nden Skel nicht halten konnte. Vielleicht lag es an dessen mittlerweile schwei√ünasser Haut, m√∂glicherweise war es auch Wehrmuts ganz pers√∂nlicher Ausdruck von Trauer √ľber den schmerzlichen Verlust von Drum-Gott Skel. Was es auch war, sowohl bei Wehrmut, als auch bei Christ und mir, schwingt seit dem immer ein Ton der Schwermut in der Stimme, wenn wir von dieser Ausnahmeband sprechen. Wir werden aber in jedem Fall aufmerksam Skels weiteren Weg verfolgen und schauen, ob er vielleicht wieder in eine √§hnlich fabul√∂se Band kommt die Felle verpr√ľgelt. Nach viel zu kurzen 70 Minuten hatte auch dieses Konzert sein Ende gefunden und so machten wir uns auch wieder auf den R√ľckweg.

Zur√ľck am Auto beschenkten wir uns noch einmal mit dem Rest der tschechischen Kinderriegel, sowie mit belgischen Nougatbrocken und traten die Heimreise an. In deren Verlauf tauschten wir uns noch schnell √ľber das j√§mmerliche Schicksal von Lolo Ferrari aus, was Wehrmut offensichtlich so sehr erregte bzw. ablenkte, da√ü er beinahe seinen Vl√∂tsa samt Insassen in den Stra√üengraben gesetzt h√§tte. Logischerweise entschlo√ü ich mich also, Wehrmut nicht weiter zu irritierten und begann friedlich einzuschlummern. Friedlich? Nicht ganz! Wehrmut vereitelte dies prompt durch spontanes Dauerhupen. Nur meiner Friedfertigkeit ist es zu verdanken, da√ü ich ihm nicht zuerst in die Augen und danach in das Lenkrad gefa√üt habe.
Trotz der √ľblichen Zwistigkeiten wird uns dieses Konzert wohl noch lange in Erinnerung bleiben. Es markiert eindeutig und unangefochten den bisherigen absoluten H√∂hepunkt auf der nach oben offenen Konzertg√ľteskala. Wahrscheinlich k√∂nnte man diesen Gig nur noch durch Live-Verbrennungen und 8 Milliarden Mark teure Lightshows toppen. Wir sind gespannt...

Deadleft am 16.05.2004




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